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24.06.2016  |  Text: Stephan Simon  |   Bilder: Stephan Simon
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Sissybar im Eigenbau


Simon befiehlt: Halt dich nicht auf mit störrischen Weibern, back dir deine perfekte Sissy einfach selbst


Sissy - Schicksalsjahre einer Rückenlehne. Sie hatte es nie leicht. Verdammt, verboten, vergöttert, verchromt, verbogen, verrostet … die Sissybar ist eines der wichtigsten Anbauteile jedes Choppers oder Bobbers. Es geht quasi nicht ohne die Süße. Vielfach funktionell hält sie nicht nur das Schutzblech, sondern auch die Braut auf dem Sitz, und sie scheut sich nicht, Rücklicht, Nummernschild, Satteltasche und weiß der Geier was noch alles an sich festmachen zu lassen. Ich geb’s zu, ich hab auch öfter mal ’nen Kasten Bier dran befestigt. Sieht komisch aus, ist aber so. 

Die »Sissy« gibt es in jeder Form und Länge sowie aus unterschiedlichsten Materialien, selbst Tropenholz wurde schon gesichtet. Viele Serienkisten haben sogar schon von Werk aus eine. Was natürlich in der Herstellung bedeutet: Vierkanteisen mit vier Biegungen fällt aus dem Biegeautomat, schnell entgratet und ab zum Verchromen – drei verschiedene Höhen, Adler hinten rein geschraubt, auf Wiedersehen. Aber wir machen unseren Kram ja selbst, also steht heute das Herstellen einer individuellen Sissy-bar auf dem Plan. Das Design ist dabei der wichtigste Aspekt, weil – wie gesagt – unsere Sissy individuell für einen Ofen angefertigt wird, da müssen Höhe, Biegungen, Material, Durchmesser, ach, einfach alles zum Motorrad passen. Los geht’s.

Hab ich schon gesagt, dass kein Rohr genommen wird? Also, kein Rohr! Scheut euch nicht, bei so einem Projekt erst mal was zu malen oder auch aus Draht die Form zu versuchen. Wer hochgradig online und digital ist, einfach Foto mit Smartphone machen, ausdrucken und Sissybar einzeichnen. Einfachheit und eine klare Linie sind der Schlüssel zu guter Form. Es muss aussehen, als wäre die Rückenlehne aus dem Blech gewachsen und nicht wegzudenken. Benutzt also kein Vierkant, wenn sonst alles am Fahrzeug rund ist und umgekehrt. Auf gut Deutsch: Bitte kein rundes Schwein durch ein eckiges Loch schieben wollen. Wer was bauen will, braucht außerdem eine gewisse Ausstattung, die nicht jeder in der Garage hat. Zollstock, Messschieber, Filzstift, Autogen-Brenner, Schweißgerät, Schweißtisch und – ganz wichtig – Mut und Kaltblütigkeit. Ich verwende meist 12 bis 16 mm Edelstahl-Rundmaterial »Cr Ni 18 8« oder Ähnliches, das bedeutet achtzehn Prozent Chrom, acht Prozent Nickel und 74 Prozent Stahl.



Um rostfrei zu sein, braucht ein Stahl mindestens 10,5 Prozent Chrom. Das lässt sich gut schweißen, rostet nicht, kann poliert oder mit Fließ und Öl angeschliffen oder verchromt werden. Wenn Edelstahl verwendet wird und das Teil ohne Chrom oder Farbe auskommen soll, müssen Schweißzusatz und alles, was angeschweißt wird, ebenfalls aus Edelstahl sein, sonst rosten die Nähte oder Halter. Beim Verchromen ist das egal. Verzinken wiederum geht nicht, da die Teile magnetisch sein müssen. So könnt ihr übrigens herausfinden, ob ein Metallteil aus Edelstahl ist oder nicht: Magnet dran halten, wenn er anzieht, kein Edelstahl, sondern Stahl oder Eisen. Wer jetzt fragt, was der Unterschied ist, das erkläre ich mal in einem gesonderten Artikel. Auf jeden Fall hat es was mit Kohlenstoff zu tun, so viel mal vorab.

Für eine Sissybar würde ich mal zwei Meter Material einplanen. Ihr habt die Form im Kopf oder gezeichnet? Dann los. Länge grob festlegen und den Knick in der Mitte vollziehen. Dafür schweiße ich mir einen kurzen Bolzen auf den Tisch, je nach gewünschtem Biegeradius. Brenner raus, glühend machen, am Bolzen anlegen und zack auf gewünschte Breite biegen, die man sich am Tisch angezeichnet hat. Anrisse auf dem Sissy-Material werden nie mit der Reisnadel gemacht, sondern mit einem Stift. Es gibt auch gelbe Fettkreide, die sieht man auch noch, wenn die Teile heißgemacht sind. Einfacherweise ist man am besten zu zweit, außerdem Handschuhe, Schutzbrille ist ja klar. Einen Eimer Wasser dazustellen schadet nicht, falls ihr die Bude in Brand setzt oder euch die Flossen verbrennt. Ich mache das seit Jahren mit meinem guten Kumpel Volker. Einer macht warm, der andere biegt, beim alleine arbeiten verliert man zu viel Wärme am Stahl, bis der Brenner aus und sicher abgelegt ist. Zu zweit geht’s besser, zumal so auch später einer zum Anstoßen da ist. Das Material rotglühend anwärmen, aber nicht so heiß, dass der Stahl Funken sprüht, denn dann ist er ausgeglüht und Schrott. Wenn es nach dem Biegen so aussieht wie ein großes V, dann ist alles gut. Jetzt bereitet ihr die nächsten Biegungen vor. 



Dazu müsst ihr genau messen, auf welcher Höhe die erste und zweite Biegung vorgenommen wird, wenn welche nötig sind. Manchmal geht es auch gerade nach unten ohne Umformung. Messt immer von oben, also der Spitze aus. Von unten aus gemessen besteht die Gefahr, dass es schief wird und nicht mehr zu retten ist. Rundmaterialien und Rohre werden außerdem immer in der Mitte des Materials gemessen, weil dort die wenigste Verformung entsteht. Man nennt diese gedachte Linie in der Mitte »neutrale Phase«, nur mal so am Rande. Wenn die zwei Punkte festgelegt sind, also der Sprung seitlich nach unten, übertragen wir diese auf den Schweißtisch und setzen dort zwei weitere Bolzen. Ich kann das mittlerweile auch freihand, aber mit Bolzen auf dem Tisch seid ihr einfach sicherer. Die zwei Biegungen erhitzt ihr jeweils separat. Jetzt sieht es schon aus wie ’ne coole Sissybar. 

Nun könnt ihr die Gesamthöhe festlegen und euch über die untere Befestigung am Rahmen Gedanken machen. In Frage kommt ein Drehteil, zum Beispiel aus VA mit Flachsenkung für Inbusschrauben. Alternativ könnt ihr zum Beispiel auch Flachstahl mit entsprechendem Loch und Gewinde anschweißen. Das machen wir heute mal und setzen die Sissy nach innen, um möglichst schmal zu bleiben, der Silhouette des Fahrzeugs entsprechend. Weil ich Harley-Mann bin, werden die Gewinde natürlich auch immer zöllisch geschnitten, macht auch Sinn, denn man hat es beim Arbeiten einfacher und muss kein zusätzliches metrisches Werkzeug suchen. Die BMW-Bande wird natürlich wieder ÄÄHHH machen. Uns aber wurscht … weiter. Jetzt legen wir die Breite fest und erwärmen das Ganze – wenn nötig – nochmal oben an der ersten Biegung. Ist ein weiterer Sprung rechts oder links wegen Bremse, Antrieb oder so nötig, bitte macht das vor dem Abschneiden.



Wer als Befestigungen Muttern an der Sissy anschweißt, outet sich gleich als Null. Die Befestigung der Sissy an dem Schutzblech ist gar nicht mal so einfach, soll ja hübsch werden. Es gibt da etliche Möglichkeiten, zum Beispiel eine Halterung unterm Blech durch, damit dieses aufliegt, oder seitlich etwas anschweißen. Aber wir sind ja bekannt für extravagante Lösungen, deshalb haben wir die Variante »obendrüber befestigen« gewählt – unter anderem, weil darunter kein Platz ist und seitlich kein ausreichendes Material, um etwas anzuschweißen. Überlegt euch außerdem, ob eine Halterung fürs Nummernschild über dem Blech ran könnte, weil, das muss ja nicht immer auf der Seite sein. Auch Halter für Beleuchtung oder – wenn ihr ganz modern seid – für Blinker und solche Scherze sind möglich.

Wer sich bis jetzt noch nicht verletzt hat, Respekt, ihr seid auf dem richtigen Weg. Die Schweißnähte können nun verschliffen werden, aber ich steh auch drauf, wenn man Arbeit sehen kann. 

Und jetzt Bier auf, Regler an der Mucke nach rechts, Simon befiehlt: Feierabend!

Text: Stephan Simon
Bilder: Stephan Simon

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