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05.10.2017  |  Text: Frank Kletschkus  |   Fotos: Frank Kletschkus
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Show me your garage - Japan


Fast könnte man meinen, wir befänden uns in einem japanischen Gebetsschrein. Aber vielleicht ist eine Garage auch nichts anderes


Die verwitterten und überwachsenen Treppenstufen führen hoch zu einem hölzernen Tor, Oomon genannt. Oft steigen Leute hinauf in der Annahme, es sei der Weg zu einem Shinto-Schrein oder einem buddhistischen Tempel. Aber der Weg führt zum Haus der Iwasaki-Familie, ein Schrein und Zufluchtsort in der Tat – für Oldtimer



Ganz traditionell gruppieren sich mehrere Gebäude um einen Innenhof, ein mit alten abgetretenen Steinen belegter Weg führt zum Haupthaus. Dort betritt man den »Genkan«, den Eingangsbereich, in dem man dann die Schuhe auszieht. Hier ist allein der Genkan so groß wie in Tokio ein ganzes Apartment.

Wir befinden uns in der Mie-Präfektur südlich von Nagoya und nur ein paar Kilometer von der Suzuka-Grand-Prix-Rennstrecke entfernt. Yuzuru Iwasaki hat den Zylinderkopf seiner 348-ccm-Sunbeam-TT80-Werksrennmaschine von 1929 demontiert, um die Ventilsitze nachzuarbeiten. Zwar sind genügend Schuppen und Werkstätten rund ums Haus vorhanden, aber die sind schon alle belegt. Also warum nicht hier im Haupthaus schrauben?

Emi, Yuzurus Frau, hat nichts dagegen, ist sie doch genauso motorradverrückt wie ihr Mann. Sie haben in Tokio geheiratet, wo Yuzuru keine Hemmungen hatte, mit seiner anderen Sunbeam, einer 1922 Longstroke, trotz Klotzbremsen auf angespeichten Bremsfelgen durch die Stadt zur Arbeit zu fahren. Heute leben sie in Yuzurus Heimatdorf, damit der Nachwuchs entspannter aufwachsen kann. Die kleine Tochter liebt die mechanischen Dinge wie der Rest der Familie.



Das Anwesen gehörte einst Yuzurus Großonkel, der dort als Arzt sein kleines Hospital führte. Der Vater des Großonkels war Ölhändler, und so heißt das Anwesen passenderweise auch heute noch »Abura-ya«, Ölhaus. Um 1900 gebaut, wurde das Anwesen immer wieder um Anbauten erweitert, nur getrennt durch kleine Gartenhöfe und verbunden mittels »Soto Rouka«, überdachte, hölzerne Stege.

Emi und Yuzuru hatten sich auf einer Geburtstagsparty zum ersten Mal getroffen, und ein paar Wochen später ein weiteres Mal an der Tsukuba-Rennstrecke als Yuzuru dort mit der Sunbeam TT80 Rennen fuhr. Emi fuhr zu der Zeit eine Harley 883 Sportster, wollte aber damals schon ein älteres Bike. Bald darauf stand eine Indian 741 von 1941 in gutem Zustand in der Garage.

Mit 500 Kubik ist die Indian für Emi einfach anzutreten und zu fahren. Verteilt auf die diversen Schuppen und Garagen rund ums Anwesen stehen aber noch mehr Bikes. Die kleine Honda Monkey gehört Emi und war ideal, als sie in Tokio ohne eigene Garage lebte. Dazu gesellt sich eine Yamaha TY, Yuzurus modernes Alltagskrad in der großen Stadt. Die Sunbeams, die hat er trotzdem am liebsten.

Sunbeam-Motorräder wurden seinerzeit »Gentleman’s Machine« genannt, weil Standard und Qualität der Fertigung außergewöhnlich hoch war. Besonders der schwarze Lack war der beste im Königreich, denn John Marston, der Sunbeam-Firmengründer, war ein früher Meister des »Japanning«, der Kunst des Japanlacks. Unzählige dünne Schichten Lack sorgten für den tiefen Glanz, den andere Hersteller nicht vorweisen konnten und der auch heute noch viele Sunbeams im Originalzustand erstrahlen lässt.



Ganz original ist Yuzurus Sunbeam zwar nicht, dafür aber immer im Einsatz. Außer für die Fahrt zur Arbeit nutzt er sie auch für Urlaubstouren. Mehrmals verschiffte er seine Longstroke nach Irland und zur Isle-of-Man – und natürlich hat er auch die heimatlichen, grünen Inseln mit ihr bereist. Sie waren zusammen auf Kyushu im Süden und Hokkaido ganz im Norden, und zweimal auf Shikoku, der kleinsten der vier japanischen Hauptinseln. 

Am Wochenende fahren Emi und Yuzuru gern bei Motocross- und Trialveranstaltungen mit. In der mit einer  Myford-Drehbank bestückten Werkstatt steht der letzte Neuzugang auf der Richtbank, eine 1949 Norton 500T Trialmaschine. Die stand 15 Jahre im Nachbardorf in einem Schuppen, war aber komplett und mit nummerngleichem Rahmen und Motor. Yuzuru besorgte einen neuen Magnetzünder, Kupplungsscheiben und einen Sattel. Der Motor war gut, aber nicht das Getriebe. Seit alles repariert ist, nahm Yuzuru schon an zwei Classic-Trials teil – mit miesen Resultaten. »Ich brauche mehr Training und muss die Übersetzung ändern«, erzählt der Oldtimerfan.

Er wird es hinbekommen und seinen Fuhrpark stetig erweitern. Genügend Platz ist vorhanden. Sicherlich wäre ein Gespann ideal, um die ganze Familie mitzunehmen. Vielleicht noch eine Sunbeam? Oder ist eine Indian Chief besser, um einen Seitenwagen zu bewegen? Auf jeden Fall wird’s was Altes sein.

Text: Frank Kletschkus
Fotos:Frank Kletschkus

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:18 October 2017 07:55:00/szene/show+me+your+garage+-+japan_17928.html