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28.09.2017  |  Text: Horst Heiler  |   Fotos: Horst Heiler
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Rauf aufs Bike und nix wie weg – Der Bamberg Run


Neun Männer, neun Custombikes und drei Tage on the road – eine kleine Flucht vor dem Alltag


Was ein Gejammer wegen der Temperatur. Mir ist es ganz recht, müssen wir nicht so schwitzen wie in den anderen Jahren.« Andy ist der Einzige, den das ungewöhnlich kalte Wetter nicht nervt. Als er mit seiner breiten Evo-Harley am Treffpunkt ankommt, halte ich fröstelnd eine dampfende Tasse Tee mit den Fingern umschlungen. Wir sammeln uns auf dem Firmengelände von US-Custombikes in Großheubach.

Die Meute vom Bamberg Run 2016

Auch Udo mit seiner Panhead, Chopper Mölle und Frisco Vosen mit ihren Kawatrumps stehen zur Abfahrt bereit. Mac, mit 63 der Älteste in der Riege (und Udos amerikanischer Kumpel und Helfer) fährt mit einem serienmäßigen Dresser ein. Er ist in einem Alter, in dem Udos Ausnahmeregelung – das Fahren eines nicht umgebauten Bikes – greift. Dafür muss er einen Teil unseres Gepäcks und Werkzeug mitschleppen.

Es ist Samstag, zehn Uhr morgens. Michael fährt mit einer frisch aufgebauten Knuckle auf den Hof und dann sind auch HP und Dean mit ihren Shovels da. Dean ist Deutsch-Amerikaner und seine Shovelhead hat seit letztem Jahr ein tiefgreifendes Facelift bekommen. Auch sie ist quasi »last minute« fertig geworden. Für meinen einzylindrigen NSU-Shovel-Chopper ist es ebenfalls die erste Tour nach einem Kurbelwellenbruch. 

Bei Mac greift Udos Ausnahme­regelung – dafür muss er einen Teil unseres Gepäcks und Werkzeug mitschleppen

Wer es noch nicht weiß: Udo Sacher (links im Bild) ist der Chef bei U.S. Custombikes. Wir starten bei ihm von der nordwestlichsten Ecke Bayerns aus, fahren zunächst den Main entlang in Richtung Bamberg. Das mittelalterliche Miltenberg passierend, kommen wir durch Ortschaften wie Freudenberg, Collenberg, Stadtprozelten und Hasloch … 

Für den nächsten geplanten Stopp ist das H-D Würzburg Village in Hettstadt angepeilt. Inhaber Christoph »Chicken« Repp erwartet uns bereits. Schmunzelnd checkt er unsere Bikes, verweilt etwas länger bei meiner Single Shovel-NSU und bekommt dabei ein breites Grinsen ins Gesicht. Beim Firmenrundgang und Kaffee aus dem Automaten erzählt er uns von seinem Plan, aus einem V2 selbst einen Einzylinder zu bauen; die Reste eines Twin-Cam-Motors seien schon in Arbeit. Chicken stellt uns auch die aktuelle Spezialität des Hauses vor: Die 4-Cam-Shovel, eine Starrrahmensportster mit Neuzulassung, basierend auf einer Evo Sportster mit geänderten, verrippten Motordeckeln und mit Rockerboxen im Shovelhead-Look …

Bamberg Run 2016

Ein Kaffee muss genügen. Zusätzliche Pinkelpausen sind auf der Fahrt nicht vorgesehen. Michael, mit seinen 29 Lenzen gut zwanzig Jahre jünger als die restlichen Mitfahrer, kennt diese Probleme noch nicht. Und Andy ist jetzt von seiner Neigung, besser im Kühlen zu fahren, nicht mehr so überzeugt. Einem Lästermaul liegt es auf der Zunge, sollten wir den zitternden Frisco Vosen kürzend in »Frozen« umbenennen? Ständig gegenwärtige dichte Wolkenfelder verhindern ein Durchdringen der Sonne.

Es bleibt kalt, aber trocken. An der Tankstelle in Würzburg-Estenfeld stehen wir im Wind und warten auf unseren Tourguide Wolfgang. Mit ihm sind wir zu zehnt und er ist es auch, der den mittlerweile fünften Bamberg Run plante und nun mit uns durchzieht. Er stammt hier aus dem Ort und nutzt die Gelegenheit bei seiner noch lebenden Mutter vorbeizusehen. Letztes Jahr, als ich zum ersten Mal den Run mitfuhr, musste Vosen genau an dieser Stelle noch an seiner Elektrik basteln, weil seine Kawatrump partout nicht mehr starten wollte. Dieses Jahr sind die Kinderkrankheiten längst behoben. An seinem Cutter ist der vorherige Sportstertank  gegen einen handgefertigten Prismentank getauscht und neuer Metalflake-Lack auf Tank und Kotflügel aufgetragen. 

Die erste Panne lässt nicht lange auf sich warten – und wie immer haben zwei Experten mindestens drei Meinungen. Klamme Finger und blöde Kommentare machen die Schrauberei am Straßenrand nicht angenehmer und der Zeitplan gerät auch durcheinander

Ohne Zwischenfälle kommen wir bis kurz vor Bamberg. Dann reißt ausgerechnet unserem Guide Wolfgang das Seil am Gaszug. Schnell repariert ist da nichts. Der Bowdenzug ist durch das Rohr des Apehangers gefädelt und das Seil direkt am Innengasgriff ab. Udo übernimmt das Ruder, schraubt und repariert eine geschlagene Stunde. Eine kleine Ewigkeit, in der Wolfgang und Schrauberguru Udo sich nichternstgemeinte Reparaturtipps und frotzelnde Kommentare anhören müssen.

Drei durch die Wolken blinzelnde Sonnenstrahlen und kräftiger, knackig kalter Wind helfen kaum, die Wartezeit zu vertreiben. Wir sind spät dran. Für die Starrrahmenfahrer gestaltet sich die folgende Aufholjagd am Rande des Machbaren. Nur ein kurzer Stopp noch in Ebrach, wo unser Guide auf die Zisterzienser-Klosterkirche und die Jugendvollzugsanstalt hinweist und gleich geht’s weiter durch den Steigerwald nach Erlau, in unsere Unterkunft. Wirtin Gabi wartet, sie muss uns unsere Schlafplätze zuteilen. Wolfgang, der in einer Firma für Steinrestaurierung arbeitet, hat dort einen Kleinbus organisiert, mit dem er uns in eine Privatbrauerei mit Biergarten nach Unterkreut fährt. »Hier ist der Nabel der Welt«, erklärt er unserem Neuling Michael. » … die Halbe Bier 1,80  … und Schnitzel in allen Variationen!« Doch im Freien ist es nicht lange auszuhalten: zu kalt und windig. Die warme Gaststube lockt … Die Nacht wird lang, unserem Fahrer Wolfgang bleibt der verbleite Gerstensaft versagt. 

Ein kurpfälzer Spruch fürs Phrasenschwein: In der Not hilft Klebeband und Droht
Beim leckeren Frühstück ist das sonntägliche Ziel das Thema. Die Wettervorhersage verheißt nichts Gutes, aber die Customizers East sind auf unser Kommen vorbereitet. Wider Erwarten begleiten uns nur Windböen. Die Zufahrt zur CE Schrauberkolonie in Regnitzlosau, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, übersehen wir fast. Customizerkurt und Peter führen durch das Anwesen, zeigen uns das Club-Refugium und untergestellte Fahrzeuge einzelner Mitglieder. 
Die Rückfahrt bringt dann alles, was ein Motorradfahrer nicht braucht: Zu dem starken Wind gesellen sich zunächst Regen, dann Schnee- und Graupelschauer. In unserer Unterkunft in Erlau nötigt unser durchgefrorenes Pack den lokalen Pizzadienst … Frisco Vosen, der Customizer mit der Beinprothese, der zum vierten Mal dabei ist, spricht noch beim Frühstück von der Kälte. Meint »Ja … wieder sehr lustig … aber wenn das Thermometer kurz über dem Gefrierpunkt anzeigt, ist das nicht wirklich schön. Mittlerweile würde ich lieber auf die Ausfahrt am zweiten Tag verzichten und dafür mit euch Grillen. Körperlich,« so gibt er zu denken, »bin ich nach so einem langen Wochenende platt.«

Bamberg Run 2016

Wenigstens ist es trocken am Morgen. Bei der Rückfahrt sind wir gezwungen, wegen einer kirchlichen Prozession anzuhalten. Ich weise Udo auf aus seinem Primärkasten austretendes Öl hin. »Ja«, gibt er zur Antwort, »der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe!« Udo checkt die Lage, geht gleich an die Ölpumpe und wir bitten die Feuerwehr, die während der Prozession den Verkehr anhält, uns Ölbindemittel zu besorgen. Einige der Truppe nutzen die Wartezeit, um selbst kleinere Reparaturen an ihren Bikes durchzuführen. Zündkerzen werden gewechselt, eine locker gewordene Lenkerbefestigung wird nachgezogen, und getreu dem alten Spruch »In der Not hilft Klebeband und Droht«, eine Fußraste notdürftig befestigt. Wer nichts zu schrauben hat oder schon fertig ist, fährt in den nächsten Ort zur Tankstelle, wo wir uns zur Weiterfahrt wieder treffen. In Estenfeld verabschiedet sich Wolfgang von uns. Er hat dort eine Garage für seine Panhead. Bei Wertheim splittern weitere Mitfahrer ab und nehmen den direkten Weg nach Hause. Ab Freudenberg holt der Regen die restliche Truppe ein. 

Fazit? Keiner der Teilnehmer hat die dreitägige Fahrt bereut. Der Wunsch nach besseren Temperaturen und mehr Sonne bleibt. Vielleicht wird diese Gruppe die nächste gemeinsame Fahrt in den Sommer verlegen? Und vielleicht – um Wolfgang in Zukunft zu entlasten – in anderen Gegenden durchführen? Rotierend, jeweils in der Heimat der Teilnehmer? Wir bleiben dabei …

Bamberg Run 2016

Udos Gedanken
»Ja … der Bamberg Run ... wenn man überlegt wie schnell die Zeit davonrennt und man immer wieder denkt: Gottverdammt, ich müsste mal wieder mit ein paar guten Freunden ein Wochenende fahren und Spaß haben, ohne ein Treffen anzufahren … Nachdem dann auch noch mein bester Kumpel »Schorkel” 2011 starb, mit dem ich immer eine Tour geplant hatte, der aber durch seinen Rennsport-Job bald jedes Wochenende unterwegs und verhindert war, machte ich Ende des Jahres den Plan endlich wahr: Das erste Mal 2012 an Pfingsten, mit einer Truppe von sechs Mann mit unserem Reiseführer Wolfgang, der auch die Strecke und Unterkunft auswählte. Ja, … dann wurden es Jahr für Jahr mehr Leute. Dazu muss gesagt werden, dass die Leute von mir und mit Zustimmung der ersten Beteiligten ausgesucht werden – es muss halt tausendprozentig passen. 

Und erst ab Erreichen des sechzigsten Lebensjahres darf »Mann« mit einem normalen, nicht umgebauten Bike mitfahren. Aus gesundheitlichen Gründen eben, wie Haxen kaputt, wenn man nicht mehr fähig ist ein Bike anzutreten oder wenn die Bandscheibe rausschaut, so dass es mit `m Starrrahmen nicht mehr klappt. Im Mittelpunkt steht natürlich das Fahren … aber auch Biertrinken, begleitet mit den üblichen dummen Sprüchen, ohne die wir ja nicht LEBEN können. Nach den 600 bis 700 Kilometern, die wir jeweils fahren, kommt schon wieder das Gefühl: Gottverdammt sind drei Tage doch kurz.«

Text: Horst Heiler
Fotos:Horst Heiler

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:18 October 2017 07:55:15/szene/rauf+aufs+bike+und+nix+wie+weg+-+der+bamberg+run_17927.html