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09.10.2017  |  Text: Frank Kletschkus  |   Fotos: Frank Kletschkus
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Izu-Hanto – Ein Ausritt ins japanische Hinterland


Die Alltagswelt in Japan dreht sich schnell, sehr schnell zuweilen. Da ist eine Motorradtour am Wochenende fast ein Stückchen Meditation


Eine Garnele guckt mich mit großen, schwarzen Augen an. Sie ist fast so groß wie der Baum, unter dem sie liegt. Der Boden um mich ist grasgrün, vor mir ein kleiner Tisch, gerade mal so hoch wie im Kindergarten. Eine wehleidige Frauenstimme singt zu exotischen Gitarren- und Flötenklängen, die an hausbackene deutsche Schlagermusik erinnern. Was hab ich genommen und auf was für einem abgefahrenen Trip bin ich hier? Nun, es war nur ein Schluck Sake, und der Trip ist eine Wochenendausfahrt mit Yoshi Ohira und seinen Freunden von Tokio auf die Izu-hanto-Halbinsel.

Izu-hanto, eine Reise ins japanische Hinterland

Wir sitzen nach 200 Kilometern über Autobahnen und kleine kurvige Landstraßen beim Kaiseki-Dinner auf Tatami-Reisstrohmatten im Hotel. Die Riesengarnele ist Teil des Menüs, das in mehreren Gängen und vielen Schälchen aufgetischt wird. Der Baum ist ein Plastik-Bonsai und Teil der Dekoration, denn schon bei der normalen Lunchbox am Bahnhof wird in diesem Land auf viel Stil und Detailfreude Wert gelegt. Beim Kaiseki, der höchsten Stufe japanischer Kulinarik umso mehr. Es soll Gang für Gang harmonisch über den Tisch fließen wie eine geschwungene Straße durch die japanischen Berge.

Alles ist ganz traditionell, deshalb auch die kurze Enka-Gesangseinlage. Das gehört einfach dazu, auch wenn der Musikgeschmack sonst ein anderer ist. Aber das Essen schmeckt vorzüglich, und neben dem Sake auch das Bier. In Japan schenkt man immer seinem Gegenüber oder Tischnachbarn nach, aber nie sich selbst. In der Familie oder hier unter Freunden wird das nicht so streng gesehen, aber doch hoch angerechnet, wenn man als Gaijin (Ausländer) den japanischen Knigge befolgt.

Izu-hanto, eine Reise ins japanische Hinterland

Regenklamotten raus, es geht los
Morgens um sieben hatten wir uns vor Yoshis’ Werkstatt »Little Wing Engineering« getroffen. Yoshi ist spezialisiert auf Indians und alte Harleys. Und so sind auch heute fast nur Chiefs, Pan- und Shovelheads dabei. Nur Nori-kun, Yoshis Mechaniker, ist mit seiner BMW GS am Start – weil seine Panhead mal wieder Milchtee im Getriebe hat. So nennt er die braune Brühe, die sich dort bei der täglichen Fahrt zur Arbeit im Regen bildet. In der Hand eine heiße Dose Kaffee aus dem Automaten, der wirklich viel besser ist, als es sich anhört, werden die Ankömmlinge mit einem herzhaften »Ohayogozaimas« begrüßt. Es ist zwar Kirschblütenzeit, aber so früh noch recht kühl, und es nieselt. Etwas Smalltalk, die Regenklamotten herausgeholt und pünktlich geht’s los. Nochmal kurz getankt und schon sind wir auf dem Tomei-Expressway, einer kostenpflichtigen Autobahn Richtung Westen.

Die hier erlaubte Geschwindigkeit liegt bei 100 km/h, viele Autofahrer halten sich daran aber nicht. Motorradfahrer, die die ganze Woche nur im Stadtverkehr unterwegs waren, schon gar nicht. Ishi-san will die Brennräume seiner 47er Chief mal wieder richtig freibrennen und gibt kamikazemäßig Vollgas. Alle anderen hinterher, die vorschriftsmäßig fahrenden Spießbürger werden links und rechts überholt. Schon nach dreißig Kilometern ist die erste Pause angesagt.

Izu-hanto, eine Reise ins japanische Hinterland

An einer Autobahnraststätte wartet nämlich die andere Hälfte der Truppe. Trocken, unter einer Art Carport. Das sind extra Parkplätze für Motorradfahrer, geschützt vor Regen oder Sonne, direkt neben den obligatorischen Getränkeautomaten. Allein sind wir dort nicht. Schon bald kündigen ungedämpfte Klänge von der Ankunft weiteren Alteisens. Die fünf Panheadfahrer sind zwar gute Bekannte von Yoshi, wollen aber nicht mit zur Izu-hanto, sondern haben noch dreihundert Kilometer nach Nagoya zur Joints-Custom-Show vor sich. Die findet morgen statt und ist nach der Yokohama-Customshow die beste Japans.

Typisch japanisch wird auch dorthin auf eigener Achse gefahren, die im Regen vermissten vorderen Kotflügel mit Klebeband kompensiert. Noch eine Dose Kaffee, dann geht’s weiter. Irgendwo rechts müsste der Fujisan, der perfekte Vulkankegel und Sinnbild Japans, hinter den Wolken sein. Hier ist die Kantoebene vorbei, in der sich die 37 Millionen Einwohner der Tokio-Metropolregion, dem größten Ballungsgebiet der Welt, zusammenpferchen. Das ist fast ein Drittel der japanischen Gesamtbevölkerung und zusammen mit den anderen Großstädten bleiben da nicht viele Menschen übrig, um den Rest Japans zu bevölkern. Die vier Hauptinseln Japans erstrecken sich über fast zweitausend Kilometer, so weit wie von Flensburg nach Sizilien. Deshalb, und weil es so gebirgig ist, ist der Großteil Japans dünn besiedelt, dicht bewaldet und mit vielen kurvigen Straßen perfekt zum Motorradfahren. Und das fängt nun auf der Izu-hanto-Halbinsel an.

Die vier Hauptinseln Japans erstrecken sich über fast 2000 Kilometer, so weit wie von Flensburg bis Sizilien. Dünn besiedelt, dicht bewaldet und mit vielen kurvigen Straßen ist das Land wahrlich ein Motorradparadies

Die Straße schlängelt sich am Meer entlang, steigt auf und ab und lässt so kaum hohe Geschwindigkeiten zu. Aber natürlich sind die Harleys und Indians schon schneller als die amtlich erlaubten 40 km/h unterwegs – auch durch die Kurven. Man muss sich erst daran gewöhnen, aber wirklich jede Kurve verfügt über einen oder auch mehrere konvexe Verkehrsspiegel, so dass man immer sehen kann, was kommt. In einem Fall auch mal eine moderne Maschine, deren Fahrer das Haftvermögen der Reifen überschätzt hat. Wir müssen aufpassen, der Regen spült viel Dreck und Laub auf die Straße. Ich lasse es auf der Chief, die mir Yoshi geliehen hat, ruhiger angehen, denn die Firestone-Reifen sind schon etwas alt und quadratisch abgefahren.

Aber als der Regen aufhört, komme ich doch mit den Trittbrettern runter auf den abtrockneten Asphalt. In einem kleinen Hafenstädtchen halten wir an einem der allgegenwärtigen Conbini, den 24-Stunden-Convenience-Shops, an. Dort gibt es in einem kleinen Supermarkt praktisch alles, inklusive heißen Speisen und Post- und Paketdienst. Hier kaufen wir noch etliche Sixpacks und Snacks für den späteren Abend. Es ist kein Problem, dass wir dabei die Bikes draußen mit allem Gepäck allein stehen lassen. In Japan wird nicht geklaut. Die Autofahrer lassen sogar gern den Motor laufen, damit im Sommer die Klimaanlage weiter brummt, während sie drinnen einkaufen.

Von Futon und Mineralbädern
Endlich im Hotel, es liegt unter Palmen direkt am Strand. Aber hier wird nicht im Meer gebadet, sondern in den Onsen, den Thermalbädern des Hotels. Das ist der eigentliche Sinn der Tour: Mit Freunden zusammen relaxen, bei einem Drink oder im heißen Mineralbad. Für Japaner ist das ein Muss und nach den Kilometern auf  den Starrrahmen im kalten Fahrtwind eine echte Erholung. Im Onsen sind nur ein paar Regeln zu beachten: Männer nehmen den blauen Eingang, Frauen den roten. Man wäscht sich, bevor man ins Becken steigt. Und man ist splitternackt, keine Badehose.

Man benutzt nur das Tenugui, ein kleines Handtuch, mit dem man sich wäscht, es zusammengefaltet im Bad auf den Kopf legt und sich nachher abtrocknet. Ansonsten trägt man im Hotel eine Yukata, eine einfache Form der alten Gewänder und des Kimonos, ähnlich wie ein Bademantel. Die Nacht kostet pro Person etwa 130 Euro, darin enthalten ist das Abendessen, das Frühstücksbuffet und Onsen, so viel man will. Geschlafen wird zu viert in einem Zimmer, dicht nebeneinander unter dicken Decken auf Futons direkt auf den Tatamimatten. Wie früher auf der Klassenfahrt wird schnell ein Zimmer zum Partyraum und es zeigt sich, wofür der vorherige Einkauf gut war.

Das gleiche Jugendherberge-Feeling wie auf deutschen Touren stellt sich trotzdem ein – der Sonntagmorgen begrüßt uns mit Kopfweh vom nächtlichen Umtrunk

Am nächsten Morgen wird der Kater im Onsen noch vorm Frühstück vertrieben, dann geht’s im Sonnenschein wieder Richtung Tokio. Denn am Wochenende, besonders zur Kirschblütenzeit, ist auch hier der Verkehr später am Tag recht hoch. Am Sonntagabend, wenn alle nach Hause fahren, sind die Rückstaus auf der Autobahn legendär. Aber erst nochmal geile Bergstraßen. Direkt vom Meer rauf auf über 900 Meter Höhe zur Nishi-Izu-Skyline. Im Gegensatz zur östlichen und bekannteren Izu-Skyline ist diese mautfrei. Beide bieten Fahrspaß vom Feinsten auf perfektem Asphalt durch ein großartiges Kurvengeschlängel. Das ist allgemein bekannt. Immer trifft man dort Benzinverrückte auf zwei, drei oder vier Rädern. Rennducatis, deren Reifenflanken Blasen werfen, Fulldresser-Harley-Gespanne oder eine Gruppe offener KTM-X-Bow-Sportwagen. Noch ein obligatorisches Gruppenfoto und nach einigen Kilometern, die dem Nürburgring ebenbürtig sind, kommt endlich der Fujisan in Sicht. Nach dem Mittagessen wird sich unter Verbeugungen offiziell verabschiedet. Einige fahren die beiden Izu-Skylines noch mehrmals auf und ab, andere wollen früh zurück und den Rest des Sonntags mit der Familie zu verbringen.

Kein Abschied auf ewig
An einer Autobahnraststätte wird für die restlichen hundert Kilometer Vollgas nach Tokio nachgetankt. Dort treffen wir noch einmal einen guten Querschnitt japanischer Motorkultur. Später, in einem der vielen Tunnel werden wir von einer Gruppe Ferrari überholt, die Hälfte davon mit offenem Rennauspuff und Rennspoiler am Heck. Wo die wohl herkommen? Mit durch Drehgriff schnell verstellter Zündung lassen wir ein paar Fehlzündungen im Tunnel als Gruß erschallen. Aber nicht Sayonara, denn das meint eher einen Abschied auf ewig. Nach Izu und Fuji hingegen muss man zurückkommen, egal ob mit Indian oder Harley.

Text: Frank Kletschkus
Fotos:Frank Kletschkus

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:18 October 2017 07:55:10/szene/izu-hanto+-+ein+ausritt+ins+japanische+hinterland_171005.html