Udo Sacher rüttelt an Konventionen. Für die Gralshüter ist sein namenloses Bike purer Frevel. Darf ein XS 650-Motor von Yamaha in ein Fahrwerk, das einst für Triumph geschaffen wurde?
Was heute den Chinesen nachgesagt wird, war einst die Domäne der Japaner: Sie galten als Weltmeister im Kopieren. Angefangen hat es wohl in den dreißiger Jahren, als bei Sankyo Seykako aus einer nicht verlängerten Harley-Davidson Lizenzfertigung die "Rikuo" wurde. Unter neuem Namen, der soviel wie "König der Straße" bedeutet, wurden die beliebten 750er Flatheads weitergebaut und selbstverständlich weiterentwickelt. Ob Meihatsu, Tohatsu, Bridgestone oder Marusho, jede auf der ostasiatischen Inselkette ansässige Firma mit Motorradambitionen, holte sich zunächst technische und optische Anleihen bei westlichen Motorradherstellern. Und jetzt kommen wir zu Yamaha, einem traditionellen Orgelbauer: 1955 mit einem Nachbau der deutschen 125er DKW in die Motorradbranche eingestiegen und zwischenzeitlich für hervorragende Zweitakter bekannt geworden. Yamaha fühlte sich also Ende der sechziger Jahre berufen, sein erstes Motorrad mit Viertaktmotor zu bauen.
Die Paarung eines Yamaha XS 650 Twins mit einem Triumph-Fahrwerk ergibt einen netten kleinen Bastard
Die im Spätjahr 1969 auf der Motor Show in Tokio vorgestellte XS 1 war Yamahas ureigenste Reaktion auf die beliebten, kraftvollen, aber mit allerlei Schwächen behafteten Zweizylinder-Motorräder von der britischen Hauptinsel. Das neue Motorrad mit Viertakt-Parallel-Twin Motor aus Japan war in keiner Weise eine Kopie. Es war hauptsächlich für den US-Markt gedacht. Wo die quirligen Brit-Bikes seit den späten Vierzigern die eher behäbigen Harleys und Indians aufmischten, dahin schielte auch die Firma mit den gekreuzten Stimmgabeln im Logo. Doch ein vergleichsweise schlechtes Fahrwerk und gezügelte Leistungsentfaltung wollten Triumph- und Norton-Fans überhaupt nicht überzeugen. Wir schrieben schon das Jahr 1975, als auch hierzulande die Yamaha XS 650, wie sie jetzt hieß, angeboten wurde. Der deutsche Importeur war die Mitsui Maschinen GmbH. Mehrfache teils gravierende Überarbeitung im Detail, sowohl am Rahmen als auch am Motor, hatte ein Motorrad gedeihen lassen, dem man durchaus englischen Charakter zuschrieb. Und die von britischen Bikes gewohnte Öl-Pfütze unter dem Motor war ja verzichtbar. Langsam aber sicher schuf sich der japanische "Rüttler" seine eigene Fangemeinde …