Zu Besuch an den Wirkungsstätten des Erik F. Buell. Ein Rückblick
Es war einmal eine kleine Motorradmanufaktur in East Troy, USA. Sie war anders als die anderen. Sie setzte Ideen um, die vielen verrückt, anderen mutig und manchen einfach nur logisch erschienen. Geniale Ideen, die dem Hirn ihres Gründers entsprungen waren: Erik F. Buell, Selfmademan und Nachfahre elsässischer Einwanderer, Ingenieur und Visionär, Rennfahrer und Musiker. Er entwarf eine Gitarre für Pevey, spielte in einer Rockband, und er designte legendäre Motorräder wie die S1, X1 und XB Lightning Typen. Mit Unterflur-Auspuff, riesigen ZTL Bremsen am Vorderrad, rahmenintegrierten Kraftstoff- und schwingenintegrierten Motoröltanks. Jetzt, da diese Zeilen entstehen, ist das alles bereits Geschichte. Doch vor gar nicht allzu langer Zeit war ich mit Journalistenkollegen zu Gast in Wisconsin, zu Gast in East Troy, zu Gast bei Erik. Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen ...
In Mukwonago nahm ein American Dream der Neuzeit seinen Anfang
„Population 4.500“ steht auf dem Schild am Ortseingang des Dorfs 36 Meilen südwestlich von Milwaukee. Ein Kreisverkehr, ein Drugstore, ein Police Office, ein Diner, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und ... Buell. Das Werk besteht aus zwei geräumigen Hallen nahe der Interstate-43-Abfahrt, vor denen eine Buell und eine US Flagge im Wind knattern. Wir sind just in time: „Kommt rein,“ ruft uns eine freundliche Lady am Eingang zu, „gleich startet die Factory Tour. Wenn Ihr Euch anschließen wollt...“ Und ob wir wollen! Mit Schutzbrillen bewehrt folgen wir dem kleinen Besucher-Tross hinter Matt, der hier eigentlich als Ingenieur arbeitet und heute den Werksführer gibt. „Bei Buell bist Du halt flexibel“, grinst Matt, „und wir lieben das, was wir machen.“ Ob er Buell fährt? „Logisch, auch auf dem Racetrack – beinahe jedes Wochenende! Viele von den Jungs hier fahren Rennen.“
Wir sehen uns um in der Fertigungshalle und vermissen, was wir so gut aus Europa kennen: Roboter und große Maschinen. „Die gibt‘s hier ebenso wenig wie Fließbänder“, bestätigt Matt. Buell-Motorräder entstehen an Arbeitsstationen entlang einer Fertigungsstraße. Daran werden alle Baugruppen vormontiert, wobei die Bikes in Gestellen hängend gerollt werden. Die Mitarbeiter pendeln zwischen den einzelnen Stationen, so dass jeder überall involviert ist. Am Ende der Produktionsstraße schiebt man fertige Buells auf einen Prüfstand, wo sie angelassen, beschleunigt und geschaltet werden, bevor sie in Kisten verpackt das Werk verlassen. 180 Leute sind sie bei Buell, erzählt Matt. 1983 war das alles noch ganz anders. Da hatte Firmengründer Erik gerade in der Garage neben seinem Farmhaus das erste eigene Motorrad auf die Räder gestellt. Eine Rennmaschine, geschaffen für die Formula-1-Klasse. Doch der US-Motorsportverband stellte die Rennserie ein und Erik, der längst seinen Job als Harley-Davidson Entwicklungsingenieur gekündigt hatte, um eigene Motorräder zu bauen, stand mit dem Rücken zur Wand. Doch er ließ sich nicht entmutigen und entwarf ein sportliches Straßenmotorrad mit Harley V-Twin, die RR 1000. 1988 zog die kleine Firma, die inzwischen sogar eine Handvoll Mitarbeiter hatte, in eine zugige Halle in Mukwonago. Fünf Jahre später stieg Harley-Davidson in die Firma ein und ermöglichte Buell den Umzug in die neu errichtete Fabrik in East Troy. Ob wir sie mal sehen dürfen, diese alte, sagenumwobene Garage, in der alles begann? „Da müsst ihr Erik fragen, Jungs“, meint Matt. Aber der Chief Technical Officer ist heute nicht in der Company, jemand in seiner Familie sei krank, erklärt uns Kim, Eriks Assistentin. Sie bittet um meine Handynummer und verspricht, beim Boss für die Journalisten aus Germany nachzufragen.