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21.07.2017  |  Text: Katharina Weber  |   Bilder: Benjamin Grna
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Umbau Harley-Davidson Softail - Blaues Wunder


Für Tom war es der erste Umbau einer Harley. Für uns ist seine Softail ein Motorrad mit Charme und Linie



Oft schafft es eine Harley erst spät in den Fuhrpark eines Schraubers – so wie bei Tom, 47 Jahre alt, aus der Nähe von München. Klar, ein Jugendtraum ist so ein Milwaukee-Twin immer, auch bei ihm. Aber die Realität lässt den leidenschaftlichen Schrauber mit anderem Eisen beginnen. 

Mit 13 Jahren schon wurde das erste Mofa bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, viel später nimmt er mit einer Intruder an unserem ersten CUSTOMBIKE-Wettbewerb teil und an unserer kleinen Show, die wir in den 90ern veranstalten. Bei seinen Umbauten zeigt sich Tom als Perfektionist. Ungern gibt er Teile aus der Hand, will alles selbst machen. »Ich fange dann an, ein bestimmtes Handwerk oder eine Technik zu lernen. Dann frage ich Leute aus, bilde mich weiter. So lange, bis ich es kann.« 



So wird auch seine Harley ein Motorrad, das komplett aus seiner Hand entsteht. Eigentlich ist Tom ein Oldschool-Fan, trotzdem entscheidet er sich bei der ersten Harley für eine mit Twin-Cam-Motor. »Ich hatte ja keine richtige Ahnung von der Marke. Mir war nur klar, dass es ein Softail-Rahmen sein musste, wegen der starren Optik. Er beginnt, das Moped zu zerlegen und rauft sich die Haare ob der umfangreichen Elektrik, »einen Laptop wollte ich zum Fahren eigentlich nicht benutzen«, schmunzelt der Bayer. Da er schon zu viel Geld investiert hat, macht er stur weiter und weicht von gewissen Vorstellungen nicht ab.

»Ich wollte zum Beispiel immer eine Handschaltung haben, aber halt vernünftig fahrbar.« Damit er seinem Anspruch gerecht wird, verbaut er die Schaltung in Kombination mit einer Fliehkraftkupplung. »Der Wechsel der Kupplung war eigentlich recht einfach zu bewerkstelligen.« Als Belohnung für die Arbeit gibts keine Probleme im Stand, da die Kupplung immer trennt, wobei »ein leichter Zug an der Ampel immer da ist«. Tom weiß das zu händeln. Gerade, wer schon mal klassisch Handschaltung und Fußkupplung gefahren ist, kann sich vorstellen, um wie viel besser Toms Variante zu koordinieren ist. 

Als die Arbeiten am Antrieb erledigt sind, macht sich unser Schrauber an die optischen Details. Tiefer möchte er das Bike haben, verbaut deshalb die kürzeste Springergabel, die er finden kann und senkt die Schwinge ab. Zwar schränkt das die Schräglagenfreiheit ein – so sehr, dass der Ständer abgeschliffen werden muss –, der Optik aber kommt es zugute. Die Reifengröße ist identisch mit dem Original, neue Räder gibt es trotzdem. Die kommen von TTS, 80 Speichen jeweils. 



Zahlreiche Teile fertigt der gelernte Metallbauer selbst an. Das reicht vom Heckfender über den Halter für die Satteltasche, bis hin zur Batterieabdeckung oder den Bremsanker für die Scheibe einer Road King. Dazu kleine Details wie der Totenkopf, der überm Tacho montiert ist, »für drei Euro gekauft in einem Aquariumshop«, erzählt uns Tom. Auch sein Schaltknauf ist totenkopfverziert. Dazu gesellt sich ein Sattel aus dem Zubehör, der Apehanger und die ebenfalls selbstgebaute Sissybar. »An die hab ich noch ein Katzenauge gebaut, der TÜV hier in Bayern mag das so«, schmunzelt Tom.

Do-it-yourself – auch beim Lack. Freier kann er da bei seinem Paintjob agieren. Besessen, wie Tom vom Biken und Schrauben ist, bringt er sich das Lackieren selbst bei. »Vorstellungskraft und Affinität ist da schon nötig», sagt er, »und das Handwerkliche, das kann man ja lernen.« 
Für sein Farbkonzept verwendet er ausschließlich RAL-Farben, den alten Look erreicht er durch Pastelltöne. Eine Lackierung nur in Elfenbein wäre zu langweilig, so kommen Blau und Oxydrot hinzu. Letzteres wird nur zum Durchschleifen aufgetragen, um den alten Look perfekt zu machen. Ziemlich passend dazu wirkt der weiße Endtopf der Auspuffanlage. Der entsteht mehr durch Zufall. »Eigentlich war die komplette Anlage weiß lackiert«, erklärt Tom, »allerdings hat sie sich mit der Zeit verfärbt, ziemlich uncool.« 

Der Schrauber entschließt sich, die ganze Rotze mit dem Kärcher runterzuholen. Das gelingt am Krümmer auch prima, aber hinten will der Lack einfach nicht weichen. »Letztlich hab ich das dann einfach so gelassen, passt doch«, grinst er. Dass sein Helm das Farbkonzept des Bikes aufgreift, weist den Perfektionisten aus.



Voll legal auf Bayerns Straßen
Blieb für den Schrauber, die letzte Hürde zu nehmen. Die TÜV-Problematik in Bayern hatten wir schon angesprochen, hier ist sie kein Thema. Tatsächlich ist Toms Softail so sauber, sicher und legal aufgebaut, dass die Graukittel nix zu meckern haben. Den Jugendtraum von der Harley hat er sich damit erfüllt, einen anderen erfüllen wir ihm. »Einmal im Leben mit dem eigenen, selbstgebauten Moped in eine Zeitschrift kommen … einen eigenen Artikel, das war ein langer Traum von mir« 
 

Technische Daten
Harley-Davidson Softail, Bj. 2006
Erbauer: Thomas Kunesch
Motor: V-Zweizylinder-Viertaktmotor, ohv-Vierventiler
Hubraum: 1449 ccm
Bohrung/Hub: 95,3 x 101,6 mm
Luftfilter: S&S offen
Kupplung: Fliehkraft
Getriebe: Fünfgang, Handschaltung
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Auspuff: MCJ 2-in-1
Leistung: 68 PS bei 5400 /min
Drehmoment: 102 Nm bei 3500 /min
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h

Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Gabel: W&W Oldstyle Springer
Rad vo.: TTS-80-Speichen, vo. 2,15 x 21
Rad hi.: 6,00 x 17
Reifen vo. und hi. Metzeler
Bremse vo.: Road-King-Scheibe
Bremse hi.: original Scheibe

Zubehör
Tank: H-D Sportster
Sitzbank: W&W
Lenker: Apehanger
Armaturen: Microtaster
Instrumente: MMB Digital-Tacho
Lampe: Hein Gericke
Rücklicht: Zubehör
Fender: Eigenbau
Sissybar: Eigenbau
Fußrasten: Zubehör/Eigenbau
Paintjob: Eigenbau
Metrie
Leergewicht: 290 kg
Radstand: 1607 mm

AM GASGRIFF
Es mag sein, dass ein Twin Cam nicht das ganz große Harley-Gefühl alter Tage hervorruft. Aber Tom hat aus dem modernen Bike ein Höchstmaß an Oldschool, inklusive Handschaltung, herausgeholt. Dafür wird er mit sauberer Technik und Zuverlässigkeit belohnt

Text: Katharina Weber
Bilder: Benjamin Grna

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Stand:23 August 2017 04:05:21/bikes/umbau+harley-davidson+softail+-+blaues+wunder_177.html