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11.05.2017  |  Text: Charly Charles  |   Fotos: Siwer Ohlson
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Real Steam Punk - BSA trifft Harley-Davidson und Royal Enfield


Aus Teilen einer Harley-Davidson Model J, einer BSA und einer Royal-Enfield bastelte sich ein findiger Finne seinen anachronistischen Chopper


Wie oft habt ihr schon einen Harley-Davidson Model J-Chopper aus den Zwanzigern gesehen? Pekka Poramo, 27 Jahre alt und aus Tampere in Finnland zuckt mit den Schultern: „Ich habe versucht, das Bike original aufzubauen. Aber dann passierte es einfach.“ Original ist an seinem Bike nämlich nicht wirklich viel. „Ich wurde zu stark beeinflusst von diesem Steam Punk-Ding, was sollte ich da machen?“ winkt Pekka ab. Der Fabrikarbeiter interessierte sich bereits als Kind für antike Technik, auch das Hobby seines Vaters – klassische Dampflokomotiven – blieb nicht ohne Einfluss auf den jungen Finnen. Nach einigen konventionellen Russenbikes entdeckte Pekka zunächst Chopper für sich. „Die meisten waren mir aber zu langweilig. Ich wollte irgendwann ein Bike, das keinen Regeln unterliegt, außer, dass es eben fahren muss.“

BSA-Harley-Davidson-Royal-Enfield: Echter Steam Punk

Für mich nur steinalt
Da er sich nun einmal vorrangig für alte Dinge interessiert, suchte er konsequent nach einem wirklich antiken Motor. Diesen fand er für 800 Euro in Schweden: Einen wechselgesteuerten Harley-Davidson Model J-V2 von 1920. Weil kein passender, originaler Rahmen aufzutreiben war, und es um ihn ja ohnehin bereits passiert war (siehe oben), machte Pekka einen BSA Front-rahmen und ein Royal Enfield-Heckteil bereit für die Paarung mit dem V2-Oldie. Ein 1926er Dreigang-Getriebe aus dem Hause Harley-Davidson vervollständigte den Materialmix. Nun begann für den Finnen die Zeit der Handarbeit. Er fertigte die geschwungene Gabel in bester Steam Punk-Tradition, passte einen Fahrradsattel und große Trittbretter an, er drehte eine Radnabe fürs Vorderrad und verbaute einen Karbid-Scheinwerfer aus der Frühzeit der motorisierten Fortbewegung. „Im Dunkeln will ich eh nicht fahren. Den Scheinwerfer anzumachen ist eine mörder Arbeit“, zeigt sich Pekka kompromissbereit. Seiner eigenen bizarren Logik folgend, entschied er, dass ein V2 auch zwei Vergaser und zwei Zündmagnete haben müsse. Also bastelte er zwei Schebler-Gasfabriken und zwei Mars-Magnete aus finnischer Fertigung an sein Uralt-Triebwerk. „Ich musste dafür die Ölpumpe verlegen, aber was sollte ich tun? Es passierte halt einfach so…“ Pekka jedenfalls ist glücklich mit seinem Gerät: „Anders als mit den Motorrädern, die ich vorher hatte, wird es mir auf dem Steam Punk Chopper nicht langweilig. Niemals“ Vielleicht ist auch nach finnischen Gesetzen nicht alles legal an der alten 1000er. Aber wer bitteschön kennt sich mit Bikes aus den Zwanziger Jahren aus, und wer würde ein solche skurriles Juwel von der Straße verbannen wollen?

BSA-Harley-Davidson-Royal-Enfield: Echter Steam Punk

Fazit
Fahren: anstrengend, Fahrleistungen: lahm, Wartung: dauerhaft – aber: Langweilig: Nie! Bikeshows gewinnen oder ein Stück Steam Punk Art zu sein, ist eine tolle Sache. Aber glaubt es, oder glaubt es nicht: Pekka hat sein Bike vor allem zum Fahren aufgebaut. In der Stadt taugt die 1000er eher nicht, aber in freier Wildbahn läuft sie stundenlang mit 70 bis 80 km/h dahin.

Custom Technik-Lexikon: Steampunk
Schon mal gehört, den Begriff „Steam Punk“? Steam Punk bezeichnet einen sehr speziellen Motorrad-Baustil: Ein Sub-Genre, das Science Fiction aus der Sicht des 19. Jahrhunderts darstellt. Die aus heutiger Sicht anachronistische Technologie hat nichts mit der tatsächlichen technischen Entwicklung zu tun, sondern bedient sich der Denkweisen, der Materialien und Techniken von damals. Messing oder Kupfer sind beliebte Materialien. Vernickelte Oberflächen, Leder oder genietete Bleche gehören ebenso zum Steam Punk wie Dampfmaschinen (engl.: Steam Engine), wovon sich der Name ableitet. Inspirationsquelle sind die Fiction-Literatur und-Filme von Jules Verne and H. G. Wells. Ein Beispiel gefällig: Ein Dampf betriebener Computer wäre aus Eichenholz gefertigt, mit genieteten Messing-Beschlägen sowie Lederriemen verziert und würde zischend und qualmend Tabellen ausspucken. Am besten unter Wasser. Hinter großen Bullaugen …
 

Technische Daten
BSA/Harley-Davidson VD | Bj. 1926
Besitzer/Erbauer: Pekka »Pepo« Poramo

Motor
H-D Model J Pocket Valve, 
V-Zweizylinder-Viertakt, Ioe-Zweiventiler, 988 ccm (Bohrung/Hub 84,1 x 88,9 mm) 

Vergaser: 2 x Schebler deLuxe
Auspuff: Eigenbau
Zündung: 2 x Mars Magnetos
Getriebe: 1926 H-D 3-speed
Sekundärtrieb: Kette
Leistung: 20 PS bei 3000 /min
Drehmoment: 35 Nm bei 1500 /min
Höchstgeschwindigkeit: 90 km/h

Fahrwerk
BSA/Royal Enfield Einschleifen-Stahlrohrrahmen, Reckung 45°
Gabel: Eigenbau
Räder: vorn und hinten 3 x 28“ 
Bremsen: hinten Trommel

Zubehör
Tank: Zündapp, modifiziert
Öltank: Speedway Bike
Lenker: Eigenbau
Sitz: Fahrradsattel
Fußrasten: Eigenbau-Trittbretter
Scheinwerfer: Häckel Karbid
Rücklicht: Scharlach

Metrie
Leergewicht: 160 kg
Radstand: 1540 mm

Text: Charly Charles
Fotos: Siwer Ohlson

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Stand:25 July 2017 20:35:21/bikes/real+steam+punk+-+bsa+trifft+harley-davidson+und+royal+enfield_175.html