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24.02.2017  |  Text: Katharina Weber  |   Bilder: Benjamin Grna

Harley-Davidson Flathead


Rahmen, Räder, Tank, Gabel, Lenker – für Traditionalisten die einzig nennenswerten Teile eines Motorrades. Kyle demonstriert diesen Minimalismus an seiner Harley Flathead


Fast ist die Bezeichnung  »Traditionalist« zum Schimpfwort mutiert. Aber als wir Kyle treffen, fällt uns kaum ein anderes Wort ein, um ihn zu beschreiben. Ehrlich und liebenswert lernen wir ihn und seine Frau Brandi in Kalifornien kennen, im Schlepptau haben sie einen winzigen Pick-up, auf dem sie ihre Flatty mit ausgebautem Vorderrad quer durch die Staaten geschippert haben, um hier an einer Show teilzunehmen. Laute Töne spucken sie nicht, eine große Show ist genauso wenig zu erwarten.

Zu Hause in Woodstock im Großraum New York betreibt Kyle seinen kleinen Shop »Leadfist Cycles«, wo er sich auf Metallarbeiten und Restaurierungen spezialisiert hat. Aber klar, auch Custombikes kommen nicht zu kurz, Kyle bevorzugt dabei den Stil der 60er und 70er Jahre. Bevor neue Teile gebaut oder gekauft werden, arbeitet er erstmal mit dem, was noch vorhanden beziehungsweise erhalten ist. »Die Basis muss einfach stimmen, der Rest kommt dann schon.« Gut, manchmal entwirft auch er Teile am Zeichenbrett und baut sie danach von Grund auf neu, aber im Vordergrund stehen trotzdem immer das Alter und die Geschichte des jeweiligen Motorrades. »Ich möchte, dass jedes meiner Bikes eine Geschichte erzählt und gänzlich für sich allein steht.«


Der Umbau beschränkt sich auf die wesentlichen Details. Rahmen, Gabel, Räder, Motor und Tank ergeben ein kompaktes Ergebnis. Unnötiges wie Blinker und Spiegel kann weggelassen werden. Und auch die vordere Spool Hub im schmalen Rad dient mehr der Optik als der Bremsleistung


Kaum zwei Handbreit ist der Lenker, die Griffe lässig umwickelt. Bequem ist das nicht, ein optischer Kracher allemal.
Auch der Tank ist ungewöhnlich im Detail. Das Spritgefäß von Wassell wartet mit einer seitlichen Kraterlandschaft auf, die Kyle selbst einarbeitete


Aufgewachsen ist Kyle in Queens, umgeben von Seventies-Bikes. Sein Vater war Biker, noch so ein richtiger. Teilweise besaß die Familie nur ein Fahrzeug, eine original 71er Shovelhead. Der Vater hatte sie Anfang der Siebziger für 1500 Dollar gekauft.  Bei Familienausflügen bügelt Kyle auf dem Sozius der Shovel durch Queens und Brooklyn. Auf dem Kopf trägt er einen deutschen Wehrmachtshelm – ein Nachbau versteht sich, ein Kollege des Vaters hatte das Ding besorgt.Und als traditioneller Mensch, der Kyle ist, ist klar: Die alte Shovel hat die Familie nie verlassen, sie ist heute Kyles Daily-Diver. Noch etwas hat Kyle von seinem Vater übernommen, nämlich die Art, Motorräder zu bauen. Er bezeichnet seinen Vater liebevoll als »King of Recycling«, denn die Zeiten damals waren hart und so wurde repariert und nicht neu gekauft. Eins gab ihm Dad dadurch mit auf den Weg: »If shit didn’t break on your bike, then you wouldn’t learn how to fix it« – das sollte zu Kyles Philosophie werden. Und weil sein erstes Bike eine 65er Triumph war, gab es reichlich Gelegenheiten, Dinge zu reparieren. Bei seiner ultraschmalen Flathead ist das nicht anders.

Das Ziel für den Umbau war klar. Ein Bike zu Showzwecken sollte gebaut werden, allerdings eines, das absolut fahrbar ist. Warum Kyle ausgerechnet eine Flathead zur Dame der Wahl machte, beantwortet er lapidar: »Ich mag Motorräder, die aussehen, als wären sie in Bewegung, obwohl sie still stehen.« Das verkörpert der alte Flathead für ihn in Perfektion.

Den Motor, Baujahr 1946, überarbeitete Kyle komplett und versah ihn mit einem Viergang-Panhead-Getriebe. Auch der Starrrahmen kommt von einer Panhead, ist allerdings gekürzt. Was hierzulande schwierig ist, macht in den Staaten seit jeher wenig Probleme. Das Frontend besteht aus einer geschmälerten Springergabel und führt ein 21-Zoll-Rad, hinten drehen 18 Zoll. Den unverschämt schmalen Lenker und viele Teile mehr hat Kyle selbstgebaut. Auch der stark modifizierte Wassell-Tank, der nun eher an eine Mondlandschaft erinnert, stammt vom Mann aus Woodstock. »Erzähl uns mehr zum Motorrad?«, betteln wir. »Ach, ihr Europäer, was ihr immer alles wissen wollt«, grinst er, »es ist alles dran, was notwendig ist, und es läuft hervorragend. Den Rest hab ich euch auf euer Datenblatt geschrieben.« Noch mehr weniger geht nicht. Obwohl eines wäre da noch. Schaltknauf und Sitzbank wurden von Kyles Lady gestaltet, mit Können und Liebe.





Text: Katharina Weber
Bilder: Benjamin Grna

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