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14.07.2017  |  Text: Katharina Weber  |   Fotos: Benjamin Grna
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Evil Spirit


Ein Rollstuhl in seiner Werkstatt und seine Panhead erinnern Michael Barragan an die härteste Zeit seines Lebens


Die langen Haare, die Tattoos, die Hinterhofbude, die Vergangenheit als Musiker in einer Punkband, der intensive, durchdringende Blick – Michael Barragan ist Customizer mit eigenwilligem Star-Appeal, sein Laden Evil Spirit Engineering im kalifornischen Burbank eine Enklave der Bike- und HotRod-Szene Califs.
Früher baute er Autos und Motorräder, um seine Musikerkarriere zu finanzieren, später machte er sich mit dem Umbauen selbständig. Eine Gitarre lehnt trotzdem einsatzbereit an der Werkstattwand. „Sex, Drugs and Rock’n’Roll, nach diesem Motto habe ich gelebt, hatte wenig Zeit für meine zwei Kinder und meine Frau, Evil Spirit – böser Geist – den Namen hatte ich nicht umsonst gewählt“, erzählt uns Michael ruhig. Ein Tag im Jahr 2009 veränderte alles.


 
Der Rollstuhl verstaubt in der ecke. Ein guter Deal
Michael Barragan war mit seinen Garage Build-Choppern erfolgreich, seine Motherfucker-Einstellung hatte ihn bis ins Fernsehen gebracht, er war gerne gesehener Gast auf einschlägigen Events und er hatte eine Einladung zur „Artistry in Iron“-Show in der Tasche – der Ritterschlag für Customizer in den USA. Zwei Wochen, bevor er seine metallene Panhead in Las Vegas präsentieren sollte, nahm ihm eine 18-jährige in einem Geländewagen die Vorfahrt, begrub Michael und sein Bike unter dem Auto. Der Customizer brach sich unzählige Knochen, lag wochenlang im Koma. Seine Crew brachte die schwer demolierte Panhead nach Las Vegas, wo sie ihren vorgesehenen Show-Standplatz einnahm. Mit einer Spendenbox davor, Krankenversicherungen sind in den USA ein seltenes Gut. Als Michael aus dem Koma erwachte, prophezeiten ihm seine Ärzte ein Leben im Rollstuhl und forderten Geduld von ihm. Der Customizer fand sich damit nicht ab, er kämpfte und schrieb seinerzeit in seinem Blog: „Fuck patience, i’m gonna go kill something …“. Ein paar Monate nach dem Unfall begann er mit dem Wiederaufbau seiner Pan, sitzend im Rollstuhl, später an Krücken.

Ich wollte mit meinem gebrochenen Arsch wieder Motorrad fahren

Bei seinen Aufbauten geht Michael immer gleich vor, der pure Rahmen steht vor ihm auf der Werkbank, dann gehts los. „Der Rahmen gibt mir vor, was ich zu tun habe. Das Bike designt sich quasi von allein, ich führe die Arbeiten nur aus.“ Seine Leidenschaft für alte Militärflugzeuge erkennen wir trotzdem. So steht seine Panhead in purem Metall mit groben Schweißnähten und sichtbaren Nieten vor uns. Flügelschrauben, unversteckte Leitungen, Streben und Gewinde, Muttern – alles zeugt von Handwerk in seiner reinen Form und entwickelt so eine eigene Optik – Modern Steampunk könnte man es nennen. Ebenfalls auffällig die Lochbohrungen am Rahmen, den selbstgebauten Fendern und dem hauseigenen Split T-Bar-Lenker, der 10 Zoll überm Riser thront. Selbst die Bremsscheiben sind gelocht. Dem Motor verschaffte Michael mittels Aufbohrung ein paar PS mehr, auf Dinge wie Handschaltungen verzichtet er meistens, ein Kicker ist dagegen Pflicht. „Aber meine Motorräder sollen trotz optischer Besonderheiten einfach im Handling bleiben.“ Und zumindest verbaute Barragan an seiner Telegabel einen Lenkungsdämpfer, um die Pendelneigung beim strammen Angasen zu reduzieren.

Michael Barragans Evil Spirit

Während Michael in der Urversion seiner Pan lediglich eine dünne Metallplatte als Sitzmöglichkeit verwendete, spendierte er dem Upgrade einen Lederbezug. Auch, um eine Punzierung unterzubringen: „Patience“ – Geduld – schließlich sollte sein Bike in seinem neuen Leben auch einen ernsthaften Namen tragen. Michael fährt seine Pan jeden Tag: „Mein Leben war so weit weg von mir, ich konnte monatelang nicht Motorrad fahren. Jetzt brauche ich es ständig, um mich zu spüren.“

Am Gasgriff
Die Sitzposition auf der Pan ist schwer eigenwillig: Die Arme nach oben, die Ellenbogen an den Körper gepresst, die Knie nahe an den Achseln – jeder von uns würde es auf die Dauer hassen. Für Michael ist es eine Befreiung: „Wenn du weißt wie es ist, nicht laufen zu können, ist es dir scheißegal, ob du bequem auf einem Bike sitzt.“

Technische Daten
Harley-Davidson Panhead | Bj. 1958

Motor
V-Zweizylinder-Viertakt, ohv-Zweiventiler, 
1338 ccm (Bohrung/Hub 88,8 x 108 mm)

Zylinder: Big Bore
Kurbelwelle: Stroker
Vergaser: S&S 
Luftfilter: Air Horn
Zündung: Magneto
Auspuff CCI: 2-in-1
Primärtrieb: Primo-Belt
Getriebe: Fünfgang
Sekundärtrieb: Kette
Leistung: 75 PS bei 5700 /min
Drehmoment: 110 Nm bei 4000 /min
Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h

Fahrwerk
Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, starres Rahmenheck
Gabel: Tele mit Alu-Brücken
Räder: Excel-Speichenfelgen mit vorne 100/90-19, hinten 150/70-16
Bremsen: vorne Scheibe mit Vierkolben-Zange, hinten ISR-Ritzelbremse
Sonstiges: Lenkungsdämpfer

Zubehör
Lenker: T-Bar
Tank: Sportster modifiziert
Öltank: Bierfass
Fender: Eigenbau
Sitz: Einmann-Sattel Eigenbau
Scheinwerfer: Crime Scene Choppers
Fußrasten: vorverlegt
Metrie
Leergewicht: 270 kg
Radstand: 1580 mm

Info
www.evilspiritengineering.com
 

Text: Katharina Weber
Fotos: Benjamin Grna

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