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14.06.2017  |  Text: Horst Rösler  |   Fotos: Horst Rösler
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Custom Wolfs Full Metal Tracker


Minimalismus pur: Der Custom-Wolf interpretiert mit seiner Honda Bol d‘Or im Rau-Rahmen den klassischen Boardtrack-Racer neu


Es ist nun über 100 Jahre her, dass der erste „Boardtrack“-Rennkurs in Playa del Rey gebaut wurde – und doch hat der Motorsport der ersten Jahre nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die Rennmaschinen aus der Ur-Zeit des Motorsports waren furchterregende Geschosse: Ein Gang, keine Bremsen, eine Gasgriffstellung: Vollgas!

Custom Wolf Tracker

Zum Rennlauf wurden die Maschinen angezogen und angeschoben, bis der hochverdichtete Motor brüllend zum Leben erwachte und aus den Zylinderköpfen – Auspüffe gab’s nicht – Flammen schossen. Nach einer Einführungsrunde hinter dem Pacecar versuchten sich die Fahrer möglichst in die beste Startposition zu manövrieren – die einzige Möglichkeit der Geschwindigkeitsregelung war die Unterbrechung der Zündung.

Dass die Verlust-Ölschmierung der Motoren, offen laufende Kettenantriebe und austretendes Rennbenzin auf den hölzernen Planken für zusätzlichen „Thrill“ sorgten, dürfte jedem heutigen Motorradfahrer klar sein! Doch es ist die Faszination des „Minimalismus“, die es den Machern von Custom-Wolf angetan hatte. Nach zahlreichen Extrem-Custombikes sollte es für Wolfgang und Christian einmal „Motorrad Pur“ sein, ein Bike ohne Kompromisse. Und es musste nicht unbedingt ein V-Twin „Made in America“ sein, der die moderne Interpretation eines Trackers befeuert. 

Custom Wolf Tracker

Rau, aber herzlich
Honda’s „Bol d’Or“ Vierzylinder diente schon als Basis für so ziemlich jede Art von Motorrad: Vom Streetfighter zum Sportbike  und sogar als Softchopper in den frühen 80er Jahren. Warum also nicht auch als Boardtrack Racer-Adaption? Zuverlässig, stark und langlebig diente die „Bol d’Or“ Dutzenden von Fahrwerksspezialisten von Egli bis Rickmann als Kraftquelle. Auch das alte Rau-Fahrwerk von 1986 paßt zu diesem Motor, auch wenn Christian die Motorhalterungen optimierte und das Heck entsprechend dem geplanten Heckbürzel verengte.

Wie alle Sportfahrwerke, sollte auch der Zentralrohr-Rahmen von Rau dem starken Honda-Motor den Gradeauslauf beibringen – in den 70er und frühen 80er Jahren war es nicht unüblich, dass die gebotenen Motorleistungen die Möglichkeiten der Serienrahmen übertrafen. Ganz im Stil eines „Experimental-Bikes“ verzichtete das Custom-Wolf-Team auf jedwede Lackierung, Klarlack ausgenommen, und beließ auch den Rahmen „bare metal“. Wo an den echten Boardtrackern das Hinterrad starr aufgehängt war, federt ein Rau-Stoßdämpfer die von Custom-Wolf gefertigte Stahlrohr-Schwinge.

Anstelle einer modernen Upside-Down Gabel wird das Vorderrad von einer altertümlich anmutenden Paralellogramm-Gabel geführt, allerdings nadelgelagert und mit modernsten Federungs-Elementen. Die ersten Boardtracker holperten noch mit Blattfedern über die Planken. Der Lenker und die obere Gabelbrücke bilden eine Einheit, die wenigen Züge sind versteckt. Wer nach den filigranen Rad-Designs in Zubehör-Katalogen blättert, kann lange suchen! 1.85 x 19“ vorn und 3.25 x 19“ klingen ebenfalls nach 80er Jahren, und tatsächlich gehörte der Radsatz zur Standardausstattung der Suzuki „Katana“ von 1981. Custom-Wolf adaptierte eigene Perimeter-Bremsscheiben und Braking-Bremszangen. Schließlich sollte das Bike auch mal irgendwann auf der Straße rollen und nicht nur auf abgesperrten Rennstrecken seine Kreise drehen. 

Custom Wolf Tracker

Tank und Sitzbank stammen aus eigener Fertigung und sind ein Kontrast zu den sonst so perfekt verschliffenen Metall-Arbeiten bei den Custom-Wolf-Kundenprojekten, die von hochklassigen Streetfightern bis zu extremen Harley-Auf- und Umbauten reichen. Die „Farbe“ wurde mit der Flamme des Schweißbrenners direkt ins Metall gebrannt, mit mattem Klarlack versiegelt und von Marcus Pfeil mit handgezogenen Pinstripes veredelt. „Motorrad pur“ ist hier angesagt. Die minimalen Anzeigen und Drucktaster zur Bedienung sind in den Lenker eingelassen, der Tacho nur ein Kompromiss für die Straßentauglichkeit. Denn Boardtrack-Rennstrecken gibt es halt leider nicht mehr

Fazit
Die letzten Holzovale verfaulten in den späten 20er Jahren nach schweren Unfällen, Besucherschwund und Weltwirtschaftskrise. Vielleicht wäre es mal an der Zeit für ein Revival? Auf zwei Rädern!  
Ein Meilenstein der Technik war die Bol d’Or auf Anhieb. Wunderbares Triebwerk, leistungsstark und zuverlässig, daran gab und gibt es nichts auszusetzen. Einziger Mangel des Originalbikes war das zuweilen labberige Fahrwerk, die schlechte Straßenlage ein Minuspunkt für die goldene Schüssel. Aber das hat der Custom Wolf ja fleißig geändert. Sicher nicht zum Nachteil des Fahrers.

Technische Daten
Rau Honda CB 900 Bol d’Or RC 04 | Bj.’86/’11

Motor
Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, ohc-Vierventiler, 902 ccm (Bohrung/Hub 64,5 mm x 69 mm)

Vergaser: original mit Dyno-Jet-Kit
Luftfilter: Trichter offen
Auspuff: Sebring 4-in-1, Custom-Wolf Endtöpfe
Getriebe: Fünfgang
Sekundärtrieb: Kette
Leistung: 86 PS bei 9100 /min
Drehmoment: 72,5 Nm bei 7500 /min
Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h

Fahrwerk
Rau Zentralrohrrahmen, modifiziert
Gabel: Parallelogramm, nadelgelagert
Schwinge: Custom-Wolf
Stoßdämpfer: Rau
Räder: Suzuki Katana Aluguss, modifiziert, mit vorn 1.85 x 19 u. hinten 3.25 x 19
Bremsen: vorn und hinten Perimeter-Scheibenbremsen mit Custom-Wolf-Scheiben und Braking-Bremszangen

Zubehör
Tank: Custom Wolf Stahl
Sitzbank: Custom Wolf
Lenker: Custom Wolf
Armaturen/Griffe: Custom Wolf
Lampe: Paaschburg & Wunderlich
Rücklicht: Custom Chrome Europe
Blinker: Custom Chrome Europe
Lackierung: Marcus Pfeil

Metrie
Leergewicht: 210 kg
Radstand: 1520 mm

Info
Custom Wolf
An der Laaberquelle 4
92367 Laaber
Tel 09186 90090
info@custom-wolf.de
www.customwolf.de
 

Text: Horst Rösler
Fotos: Horst Rösler

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Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

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Stand:25 July 2017 20:26:49/bikes/custom+wolfs+full+metal+tracker_176.html