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24.04.2017  |  Text: Katharina Weber  |   Fotos: Dr. Heinrich Christmann
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BMW R75/5 im rostigen Look


BMW will schon lange weg vom Hosenträger-Image. Dass es dafür nicht immer neue Studien-und Konzeptbikes braucht, belegt ein rostiger Schlegel namens R 75/5.


Fatt Herta
Altgediente BMW-Eigentümer empfinden einen Boxer-Umbau zuweilen als Sakrileg. Nicht so der Amerikaner Eric Allard, sehr wohl aber sein Schwiegervater. In dessen Scheune setzt die Strich-Fünfer nämlich seit einigen Jahren böse Staub an, trotzdem rückt er den 73er Boxer einfach nicht raus. Vor allem weil er weiß, dass Eric was Größeres mit der Karre vor hat. Immer wieder hört der sich die Litanei vom Klassiker an, der niemals nicht angetastet werden darf.

„Ich hatte von Anfang an was Größeres mit der Karre vor“

Eric sucht sich Hilfe und verspricht seiner Frau Wendy, ihr die heißersehnte Triumph zu bauen, wenn sie es schafft, ihren Vater zum Verkauf der BMW zu überreden. Nach einem Monat hat sie es gepackt, der störrische Alte lenkt ein. Eric zahlt und verscherbelt sofort alles, was er für den Umbau nicht braucht. Sitzbank, Tank, Frontend, Schwinge, alles muss raus. „Mit 130 Dollar plus bin ich in die Umbauphase gestartet“, schmunzelt er.

Grundlegende Ideen für das neue Gesicht des Boxers hat der hauptberufliche IT-Fachmann Eric beim Kauf schon im Kopf. Er will in seinem Motorrad altbekannte, klassische Umbaustile mischen. Doch bevor es ins Detail geht, gibt er dem Rahmen rundere Formen. Dabei setzt er den Motor zunächst in den Rahmen und biegt anschließend die Rohre um das Aggregat neu. Der Oberzug wird mit der starren Schwinge verschraubt. Der kleine Fahrradsattel liegt nun deutlich tiefer als die ausladende Sitzbank des Ur-Modells. Ein satter 23-Zöller vorn punktet bei Bobber-Freunden. Der Lenker dagegen ist kultiger Boardtrack-Style. Um ihm seine Form zu geben, wendet Eric einen alten Trick an. Er befüllt ein Rohr mit Sand und erhitzt es. Nun kann er das heiße Geflecht in die gewünschte Form biegen, ohne dass es seinen Querschnitt verliert.

BMW R75/5 von Eric Allert

Die Blattfedergabel ist genauso ein komplettes Eigenkonstrukt von Erics Nebenbei-Custom-Bude FNA und erinnert an alte Indians. Und obwohl die Parts des Frontends aussehen, wie aus der Mottenkiste gezogen, so stammen sie doch aus modernsten Maschinen. Erics Kumpel Scott fertigt sie nach den Vorgaben des Meisters per CAD-Programm am Computer. Anschließend werden sie aus altem, rostigen Stahl per Laser ausgeschnitten.

Die Geometrie der Gabel wurde übrigens im Vorfeld exakt berechnet, um das Bike so gut wie möglich auf Fahrbarkeit auszurichten. Ähnlichen Hirnschmalz verwendet Erbauer Eric auf den Tank. Die Behälter der BMWs zeichnen sich vor allem durch die markanten Knieeinlässe an den Seiten aus. Diese Bauart sollte beibehalten werden. So bekommt der verwendete Harley Wide Glide-Tank eine nette Sonderbehandlung. Freund John teilt das Gefäß in zwei Hälften und schweißt es Stück für Stück zur gewünschten Form zusammen.

BMW R75/5 von Eric Allert

Nach reichhaltigen Blech-, Rohr- und Stahlarbeiten macht sich Eric schließlich an den Clou seines Boxers. „Ich wollte weg vom Kardan, hin zur Kette.“, erklärt der Schrauber. Er entscheidet sich für den Bau einer Umlenkung und verwendet dafür das umgefrickelte Differential eines Quads. Dort, wo eigentlich die Kardanwelle sitzen sollte, verbaut er auf der linken Seite, unterhalb der Sitzbank, die Bremsscheibe. Auf der rechten Seite der Achse liegt das Antriebsritzel einer Harley-Sportster, das die Kraft auf die Kette überträgt.

Ein einzigartiger, technischer Hingucker, der nicht nur einwandfrei verzögert, sondern auch das Hinterrad wunderbar clean lässt. Lediglich die filigrane Strebe des Schutzblechs sticht hier noch ins Auge. Sie ist fest mit dem Starrrahmen verbunden und hält den Fender so an seinem Platz. Der ist übrigens das letzte Teil, das Eric fertig stellt. Auf eine Lackierung verzichtet er bewusst. „Alles purer Rost.“, erzählt er. Und auch ein Deutscher trägt noch einen Teil zum Gesamtkonzept bei. Kai, ein ausgewandeter Kumpel, erzählt Eric, dass man ’ne Touren BMW in ihrem Heimatland gerne mal als „Dicke Berta“ bezeichnet. Eric verstehts wohl ein bisschen falsch, die „Fatt Herta“ ist geboren.

„Ich wollte bei der Boxer-BMW weg vom Kardan, hin zur Kette“

Fazit: Unter Rost und Patina verbirgt sich nicht nur ein deutscher Klassiker, sondern auch eine Menge Schrauberherz. Die R 75/5 war eines der schnellsten Serienmotorräder ihrer Zeit, lud aber trotzdem nie zum unanständigen Rasen ein. Liebhaber der Strich Fünfer-Modelle schwören bis heute auf das wunderbare Gefühl, wenn beim Beschleunigen der Hintern hochfährt, um beim Gaswegnehmen wieder abzusacken. Mit Starrrahmen, eigenwilligem Gabelkonstrukt und vor allem ohne Kardanantrieb mag das alles nicht mehr ganz so flutschen, reicht aber noch immer für den lockeren Klassiker-Run nach Feierabend.
 

Technische Daten
BMW R 75/5 | Bj. 1973
Erbauer: Eric Allard / FNA Custom Cycles

Motor
Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor,ohc-Zweiventiler, 746 ccm (Bohrung/Hub 82 x 70,6 mm)

Vergaser: Dual Weber ICT 34
Auspuff: FNA
Getriebe: Viergang
Sekundärtrieb: Kette mit Quad-Differential
Leistung: 50 PS bei 6.200/min
Drehmoment: 60 Nm bei 5.000/min
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h

Fahrwerk
FNA-Stahlrohrrahmen mit doppeltem Unterzug, 38° Rake
Gabel: FNA leaf spring
Gabelbrücke: FNA
Räder: vorn Honda mit 90/90-23, hi. 4,5 x 18“ mit 150/70-18
Bremsen: vorn Trommel, hinten Scheibenbremse

Zubehör
Tank: Harley-Davidson FL, mod.
Armaturen: FNA Boardtrackers
Instrumente: BMW R65 Speedo
Sitzbank: Farr Seats
Fußrasten: FNA
Lampe: Honda Elsinore
Rücklicht: Rode Light 1924

Metrie
Leergewicht: 200 kg
Radstand: 1580 mm

Info
fnacustomcycles@yahoo.com
www.fnacustomcycles.com

Text: Katharina Weber
Fotos: Dr. Heinrich Christmann

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Stand:30 May 2017 12:57:57/bikes/bmw+r755+im+rostigen+look_174.html